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Wie wird Borderline diagnostiziert?

Borderline wird heute anhand von neun Kriterien diagnostiziert, die im Diagnostischen und statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-lV) aufgeführt sind. Fünf der neun Kriterien müssen erfüllt sein, um von einer Borderline-Störung sprechen zu können. Diese Kriterien eignen sich nicht zur Selbstdiagnose, da sie in einer milden Ausprägung fast allen Menschen vertraut sind. Erst ihre Intensität und das gemeinsame Auftreten mehrerer Symptome macht die Borderline-Problematik aus. Eine Diagnose sollte nur von einem erfahrenen Therapeuten gestellt werden.

Die Kriterien klingen zunächst sehr abstrakt und wissenschaftlich. Wir haben deshalb Betroffene gebeten, ihr Verhalten und Erleben zu beschreiben, um so das Erleben hinter aller Fachsprache einfühlbar zu machen.

  • Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
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    «Isoliert und allein unter vielen hielt ich mich dann nachts immer öfter auf dem Flughafen auf, wo noch genug reges Treiben herrschte, um mich zu halten. Ich klammerte mich an die Geräusche in der Wartehalle und fixierte die Lichter auf dem Rollfeld, um mein Gesicht nur nicht in mich kehren zu müssen.»

  • Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
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    «Beziehungen jeglicher Art waren bei mir fast immer von kurzer Dauer, vor allem die intensiven. Sobald ich Vertrauen zu einer Person gefasst hatte, hatte ich mich sehr schnell und sehr weit "reingehängt". Ich öffnete mich und dementsprechend erwartete ich eine Gegenreaktion. Ich ließ diese Person teilhaben an meinem Gefühlsleben, aber es dauerte nicht lange und es war keine Steigerung mehr möglich. Zu dem Zeitpunkt stellte mein Gegenüber die Grenzen auf und ich ließ die Beziehung dann ganz schnell zerplatzen.»

  • Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
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    «Schon in meiner Jugend wusste ich nicht, was meine Wünsche bezüglich meiner beruflichen Laufbahn oder persönlicher Vorlieben waren. Langfristige Ziele habe ich nicht, vor allem bin ich nicht in der Lage etwas langfristig durchzuhalten, weil sich meine Ansichten ständig ändern. Ich flattere wie ein Schmetterling vom einen zum anderen. Bei Freunden wähle ich nicht, wer zu mir passen könnte, sondern ich lasse mich einfach "befreundschaften".»

  • Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Frahren, "Fressanfälle")
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    «Ich habe 150'000 DM Schulden, habe eine Unterschlagung begangen, meine Arbeitsstelle verloren, Geld geliehen und nicht zurückgezahlt, auf laufende Leistungen beim Arbeitsamt mit abenteuerlichen Geschichten Vorschuss abkassiert. Nach jedem Neuanfang habe ich wieder und wieder mit Spielen angefangen, obwohl mir die Folgen durchaus bewusst waren. Ich habe mit exzessivem Sport und mit Selbstverletzungen meinen Körper soweit demoliert, dass ich heute auf den Rollstuhl angewiesen bin. Aber ich würde es genauso wieder machen, nur um mich und meinen Körper mal zu spüren, um zu wissen: Ich bin da.»
  • Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
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    «Dann ging ich dazu über, meine Arme zu schneiden. Ich nahm Messer, Rasierklingen, Scherben. Über einige Monate hinweg tat ich es beinahe jeden Tag. Ich tat es, um mich zu bestrafen. Dafür, dass ich da war. Dafür, dass ich ich war. Ich tat es auch, um mich zu spüren. Zu spüren, dass ich da war, dass ich existierte, ähnlich vielleicht jemandem, der sich in den Arm kneift, um sich zu versichern, wach zu sein.»

  • Affektive Instabilität infolge einer auseprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Verstimmungen, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als eineige Tage andauern).
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    «Es gibt Tage, da erwache ich morgens und das Leben lastet wie Blei auf mir, Mir erscheint alles aussichtslos, ausweglos, und was ich auch beginnen mag, es ist zum Scheitern verurteilt. Bekomme ich jedoch an diesem Tag ein Lob also Zustimmung und Ansporn von außen, fühle ich mich, als könnte ich die Welt aus den Angeln heben, überwinde lächelnd Schwierigkeiten. Genauso kann mich eine Kritik, und da genügt manchmal ein Wort oder auch nur ein Blick, in tiefste Tiefen stürzen, so dass ich mich vollkommen zurückziehe, das Telefonkabel abziehe, Kontakte abbreche, nicht mehr spreche, nicht mehr zu erreichen bin.»

  • Chronische Gefühle von Leere und Langeweile.
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    «Mein Leben wird überschattet von einem elendigen Kreislauf aus Depressionen, Wut und Leere. Ich habe versucht, die Leere mit fernsehen zu füllen. Das Fernsehen langweilt mich. Alles langweilt mich. Ich musste die Leere doch irgendwie füllen...! Und die Langeweile verbannen Habe alles versucht. Nichts hat etwas gebracht. Habe mich also wieder geschnitten. Blut füllt Leere schnell...»

  • Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
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    «Auf dem Weg von der Therapiestunde nach Hause ist meine Stimmung gekippt: Auf dem Fahrradweg brülle ich einen Fußgänger an! "Du Drecksau, hau ab!" Zu Hause angekommen lasse ich mein Fahrrad fallen und gebe ihm einen Tritt. In der Wohnung, trete ich auf den Hasenkäfig ein. Das Kaninchen flitzt verzweifelt hin und her. Stopp, denke ich. Dann mache ich mich an die Zimmerpflanzen: packe die Grünlilien, zerre sie aus den Töpfen, zerquetsche die Blätter, zerreiße Wurzeln. Zerbrochene Tontöpfe liegen nach einigen Minuten überall im Wohnzimmer herum.»

  • Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome
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    «Auch wenn ich unter Menschen bin, gibt es Momente, in denen sich meine Angst verselbstständigt. Autos können dann genauso bedrohlich wirken, wie Menschen in der S-Bahn. Ich sehe Objekte auf mich zukommen, bekomme keine Luft mehr. Von einer Sekunde auf die andere wird alles fremd. Die Angst hat mich im Griff und schaltet alles Reale aus. Das ist einfach eine andere Welt, wenn sämtliche Sachen auf einmal bedrohlich wirken. Ich fühle mich angegriffen und schutzlos. Nur kann ich nicht so einfach davor fliehen. Es sind meine eigenen konfusen Wahrnehmungen.»